Stressbewältigung und Adrenalin

Wer kennt nicht die Legenden von Menschen in höchster Not, die scheinbar unmenschliche Kräfte entwickeln können? Wer ist nicht erstaunt, welche Strapazen ein Mensch im Kriegsfalle aushalten kann? Viele Trainer, gerade in den Kampfkünsten, reden von Adrenalin, wenige wissen um die Zusammenhänge. 

"Unser Ziel ist es nicht, die Stressreaktionen des Körpers zu unterdrücken,
sondern sie zu erkennen und durch  das Wissen um die Vorgänge
und durch realistische Übungen so lenken zu lernen, dass sie uns nutzen."
(Master Mirco Berwing)

 

Es existiert eine "Kraft", die dem Menschen in bestimmten Situationen buchstäblich "Flügel" verleiht. Die ersten wissenschaftlichen Beschreibungen hierüber gab es in den 20er Jahren.  Man entdeckte, dass im menschlichen Körper in Stresssituationen Reaktionen abliefen, die den Körper auf zwei Reaktionen vorbereitete entweder auf Gegenwehr und Kampf (Ausschüttung von Noradrenalin) oder auf  Flucht (Ausschüttung von Adrenalin). Dieses nannte man "fight-or-flight-syndrome". Gesteuert wird alles durch das sog. "Stresszentrum", dem Hypothalamus. Er kontrolliert nicht nur das autonome Nervensystem, er aktiviert auch die Hypophyse. Eine Vielzahl von Hormonen werden dadurch aktiviert, sie machen es möglich,  gefährlichen Situationen zu bestehen oder zu überleben. Das Kampf-/ Fluchtverhalten zählt zu den wichtigsten Grundprogrammen im menschlichen Verhalten. Die Natur (aber auch unsere heutige "künstliche" Welt) verlangt manchmal nach blitzschnellen und effektiven Reaktionen, um unseren Körper zu schützen und ihn am Leben zu erhalten.

Die folgende Tabelle gibt einen kurzen Überblick dazu...


Reaktionen des Körpers bei Stresssituationen

autonomes Nervensystem

reguliert die Aktivitäten der Körperorgane wie:

Hypophyse

 ...reagiert auf Signale aus dem Hypothalamus mit der Ausschüttung von zwei Hormonen:

  • Geschwindigkeit der Atmung
  • Geschwindigkeit des Herzschlages
  • Verengung der Blutgefäße
  • Blutdruck
  • öffnen der Luftwege durch Hals und Nase, um mehr Luft in die Lungen zu lassen
  • Veränderung des Gesichtsausdruckes
  • Einstellung der Verdauung

 

Ausschüttung von Adrenalin (auch "Epinephrin")

Adrenalin und Noradrenalin weisen Organe für bestimmte Reaktionen an:

Aktion  

Effekt

Milz

Ausschüttung von mehr roten Blutkörperchen unterstützt im Fall einer Verletzung die Blutgerinnung

Knochenmark

Produzieren von mehr weißen Blutkörperchen Bekämpfung von Infektionen

Leber

Steigerung der Zuckerproduktion mehr Energie für den Körper
   

 

thyrotrophe Hormon (TTH)
  • Anregung der Schilddrüse zur Bereitstellung von mehr Energie

adrenocorticotrophe Hormon (ACTH)

  • Stimulierung von Teilen der Nebennieren für die Ausschüttung von  weiteren Hormonen zur Stimulierung der Ausschüttung weiterer Hormone die dem Körper in Stresssituationen  nutzen (Cortisol)

 


Stressreaktionen des Körpers

Stressreaktionen

  • Pupillen erweitern sich
  • Blutgefäße der Haut, Skelettmuskulatur, Gehirn und Eingeweide ziehen sich zusammen
  • Schweißbildung verstärkt sich
  • Bronchien dehnen sich aus
  • Herzschlagrate wird erhöht
  • Körperbehaarung "richtet sich auf"
  • durch Adrenalinausschüttung erhöhter Blutzucker, Blutdruck und Herzschlag
  • Verringerung der Ausschüttung von Verdauungsflüssigkeiten
  • Verdauungstrakt verlangsamt die Peristaltik
  • Zuckerausschüttung der Leber
  • Ausschüttungen aus der Pankreasdrüse werden verringert
  • Harnblase entspannt sich
  • Analer Schließmuskel kontrahiert
  • Blutgefäße der äußeren Genitalien erweitern sich

Die hier aufgezeigten Reaktionen werden durch äußere Bedrohungen hervorgerufen. Sie dienen zum Schutz des Körpers und seiner Erhaltung. Berichte, die von Ertrinkenden behaupten, dass sie plötzlich unmenschliche Kräfte entwickeln können, sind Ergebnisse dieser Reaktionen. Vom Gehirn kontrollierte physiologische Stressreaktionen können entstehen wenn äußere Gefahren entstehen, aber auch wenn innere Gefahren bevor stehen, wie z.B. durch Krankheitserreger. In beiden Fällen wirken zwei Faktoren helfend, die eben genannte unbewusste Stressreaktion und die bewusste Stressreaktion. Eine von beiden steht nie für sich allein, es wirken immer beide Reaktionen. Je besser die bewusste Reaktion in die jeweilige Situation eingepasst wird, desto größer ist die Chance, das der Stress schnell abgebaut wird. Bewusste Reaktionen können antrainiert werden.

unbewusste Stressreaktion

 

bewusste Stressreaktion

(geistig)

körperlich

geistig

  • wie oben erläutert
  • wichtigste Reaktion auf Stress für die Kampfkunst
  • kontrollierte, der Situation angepasste, Taktik zur Verringerung des Stresses (z.B.: Änderung oder Anpassung des Verhaltens, Unterdrückung von "Wutreaktionen")
  • angepasste Bewegung zur Bedrohung (z.B.: Abwehrbewegung gegen einen Angriff)

 

Ob Sieg oder Niederlage entscheidet sich in enger Zusammenarbeit von unbewusster und bewusster Stressreaktion, gleich ob im normalen Alltag (z.B.: lösen von Aufgaben in der Firma), beim Militär (z.B.: Bewältigung von Konflikten) oder in der Kampfkunst (z.B.: im Kampf Mann gegen Mann).

"Da die bewusste Stressreaktion die unbewusste beeinflussen kann, ist es wichtig, Stresssituationen ständig zu trainieren."

Um mit Stress umgehen zu lernen, muss man mit ihm trainieren, er muss zum Begleiter werden. In der Selbstverteidigung könnte im Dojo nie eine 100% realistische Situation erzeugt werden, aber wenn man es schafft mit 60% zu trainieren, hat man schon viel erreicht. Mit 60%iger Realität zu trainieren bedeutet die restlichen 40% situationsbedingt blitzartig selbst in den Griff zu bekommen. Die Chance dazu hat man nur, wenn man ein gutes System hat, welches man von einem guten Lehrer gelehrt bekommt. Bekanntlich sind hier die "unbequemsten" Lehrer die besten.

Aus dem militärischen Bereich ist bekannt, dass es Ausbildungsmethoden gibt, Einsatzkräfte an eine Feindeinwirkung durch Schusswaffen zu gewöhnen. Dazu sitzen die Rekruten in einer Reihe am Boden und der Ausbilder schießt mit seiner Waffe dicht über die Köpfe der Leute hinweg. Die Angehörigen der SAS (Spezial Air Service, Eliteeinheit der Briten) werden an Geschoßeinschläge im Sand gewöhnt, indem sie sich ua. gegenseitig mit Sand bewerfen. Beides bestimmt keine sehr angenehmen Ausbildungsmaßnahmen, aber trotzdem noch lange keine 100% Realität! Aber viele dieser Übungen im Gesamtbild formen den Menschen und verändern seine Reaktionen. Stressstabilität kann einem Schwächeren helfen einem körperlich Stärkeren überlegen zu sein!


Stress und der leere Kopf

Eine bekannte Situation: Man bereitet sich gewissenhaft auf eine Aufgabe/ Prüfung vor und wenn es dann soweit ist, fällt einem nichts mehr ein...... ein Blackout. Man hat durch Versuche festgestellt, dass dieser Blackout erst ca. 30 Minuten nach eingesetzten Stress auftritt. Am Adrenalinausstoß kann es also nicht liegen, dieses wird unmittelbar bei Stressbeginn blitzschnell ausgestoßen.

Schweizer Wissenschaftler haben festgestellt, dass das Hormon Cortisol eine Rolle dabei spielt. Dieses braucht 30 Minuten, bis zur Wirkung, da die Ausschüttung erst durch eine Kette von Reaktionen von den Nebennieren geschied.

Der "Vergesslichkeitseffekt" ist auch sehr gut bei polizeilichen/ militärischen Verhören zu beobachten. Das ganze Drumherum und der Verhörstress lässt den Cortisonspiegel in ungeahnte Höhen steigen und Erinnerungen verschwinden. Als Vernehmer sind solche Erkenntnis von äußerster Wichtigkeit, um ein reales Ergebnis zu erzielen. Prüfungssituationen sind ebenfalls unter diesem Gesichtspunkt zu werten (zu Prüfungsangst siehe auch hier).

 


Hypothalamus Teil des Zwischenhirns, der wichtige Vorgänge im Körper steuert (Wärmeregulation, Wach- und Schlafvorgänge, Blutdruck- und Atmungsablauf, Stoffwechsel und Schweißsekretion
autonomes Nervensystem zweiter Bestandteil des peripheren Nervensystem, regelt Körperaktivitäten
Hypophyse Hirnanhangdrüse, wichtiges Organ der inneren Sekretion und übergeordnetes hormonelles Steuerzentrum des Körpers
Peristaltik spiralförmiges Zusammenziehen muskulöser Hohlorgane, um ihren Inhalt vorwärts zu bewegen
Pankreasdrüse Bauchspeicheldrüse
Cortison  ...ist ein lebenswichtiges, körpereigenes Hormon, das in der Nebennierenrinde produziert wird.  Cortison hat als natürlicher Stoff eine ganze Reihe von Aufgaben. So regelt es bestimmte Teile des Stoffwechsels (Fettstoffwechsel, Eiweißstoffwechsel, Mineralstoffwechsel), steuert einige Abläufe in der körpereigenen Abwehr (dem Immunsystem) und wird vor allem auch für die Antwort des Körpers auf äußere Belastungen benötigt. Cortison wird deshalb auch als "Stress-Hormon" bezeichnet.
 

 

American Kenpo.de  Server e-mail
Tel.: 0700-53676258