Geschlechtsspezifische Pädagogik:

Kampfkunst für Jungen –
„Friedvolle Krieger“-Kurse als budopädagogische Antwort
auf jungentypische Gewaltbereitschaft

(Von
Dr. phil. Jörg-M. Wolters
Institut für Budopädagogik)

 

 

Gewalt ist männlich – Gewalt ist stark

Jungs wollen Männer sein, Helden, stark, mächtig, unbesiegbar. Aber wie kann man das werden in einer Gesellschaft und Kultur, in der derartige Vorbilder nur im Film existieren und die wirklichen Männer sich an der Erziehung und Sozialisation ihrer Jungs (und Mädchen natürlich auch) nicht hinreichend beteiligen, also als Modell überwiegend fehlen ? Im Kino sind die Helden super-männlich, Turbo-Machos, (pseudo-)gerechte Rächer, die sich durch alles und über jeden Gegner hinwegkämpfen, gnadenlos, cool, effektiv. Kaum ein Junge, der seine Männlichkeit nicht beweisen, sich von den „heulsusigen“ Mädchen durch gegenteiliges Verhalten und ein ihres Erachtens den „Manns-Bildern“ damit entsprechendes Gebaren abgrenzen will. Sie übertreiben es, reagieren über, schießen übers Ziel hinaus, sind um so härter und cooler, brutaler und gefühlloser, je mehr sie ihre sich von den verweichlichten Mädchen unterscheidende Andersartigkeit und auch die schlappschwänzigen Muttersöhnchen belehrende Männlichkeit demonstrieren müssen.

Männer sind für Jungs also immer die, die sich nicht unterkriegen lassen und unerschrocken das Böse der Welt – sprich: ihre Feinde – erfolgreich bekämpfen. Gewalt wird zum Synonym  der Stärke, des Erfolges, der Überlegenheit. Je brutaler, je besser. (Nur) Sieger werden bewundert, verehrt, zum Idol stilisiert. Kämpfer wollen sie sein, die harten Jungs, denn nur wer fit ist, gewinnt und überlebt. Friedfertigkeit ist demnach nichts als Schwäche und die lächerliche Feigheit derer, die eh nichts können und keinen Mumm haben, also was für Mädchen und Jüngelchen, die Softies, eben genau solche, mit denen man nichts gemeinsam und zu tun haben möchte.

Wie schuldlos die Jungs selber daran auch sein mögen, daß ihnen in unserer familienbrüchigen, Vater-losen Risikogesellschaft keine gelungene Männersozialisation vorgelebt wird – weil es entweder kaum gleichsam friedvolle und trotzdem selbstbewußt männliche Vorbilder gibt (?) oder die wenigen, die es geben mag, ohne persönliches Gewicht, Bedeutung und genügend Einfluß im Erziehungsgeschehen sind – so sehr ist diese Situation einer der Ausgangspunkte für zunehmende Gewaltbereitschaft und Aggressivität von Jugendlichen, den hyper-männlichen Jungs.

Solange primärpräventiv sich durch Änderung unserer fraglichen Männer- und Frauenrollen oder endlich die gelungene (!) „Ver-Männlichung“ unser Erziehungs- und Sozialisationskultur derartige Fehlentwicklungen nicht im Vorwege schon verringern bzw. verhindern lassen, solange muß, sekundärpräventiv, den fehlgeleiteten Jungs das Unrealistische wie Irrationale ihrer aggressiven Einstellungen und die Schädlichkeit ihres kompensatorischen Gewaltverhaltens klargemacht und echte Alternativen  angeboten werden.  Die sog. tertiärpräventive (rehabilitative, therapeutische) Behandlung der in hochgeschraubten und verfestigten Gewaltkarrieren bisher unbelehrten und deshalb schließlich auch inhaftierten Schläger hat die Aufgabe, das zu Gewaltstraftaten führende Mißverständnis echter Männlichkeit als Selbstbetrug konfrontativ-kritsich zu entlarven. Viel zu spät allerdings greift hier die (Um-)Erziehung  und (Re-)Sozialisierung altersmäßig und in ihrer Biographie weit fortgeschrittener junger Männer das Thema von >Gewalt als Stärke – Friedfertigkeit als Schwäche< korrigierend auf.

 

Vom Söldner zum Krieger

Was gibt es für alternative Vorbilder, die das legitime (biologisch begründbare und pädagogisch zu transformierende) Bedürfnis von Jungen nach Action, Abenteuer, Risiko und Wagnis, des Sichbeweisens, Kämpfens und Siegens ernstnehmen, aufgreifen und vor allem positiv, sozialverträglich besetzen ? Wie können die Sozialisationsdefizite – geprägt und verursacht auch durch Erlebnisverarmung (Spielverbotsplätze, Ghettoisierung, fehlende Initiationsriten usw.) auf der einen und Reizüberflutung (Spielhöllen, Video- und Handy-Exzess usw.) auf der anderen Seite – so vermieden werden, daß die Erziehungsangebote zum „gelungene(re)n Mann“ für Jungs ebenso attraktiv und bedeutsam wie hinsichtlich geschlechtsspezifischer  Persönlichkeitsförderung wünschenswert sind ? Wer kann glaubwürdig und vor allem von den Jungs anerkannt Modell stehen für Gewaltverzicht aus der Position des Könnens, der Stärke heraus ?

Koedukative Angebote oder Männerrollen erweiterende („verweichlichernde“)  Kochkurse speziell für Jungen feierten eine Zeit lang (ebenso wie die antiautoritäre Erziehung) vergeblich Hochkonjunktur im Bereich sozialpädagogischer Emanzipationsarbeit, weil die Mischung der Geschlechter oder der Versuch der Grenzaufhebung allein nicht ausreichen konnte, Jungen-Gewalt abzubauen oder sich sogar als kontraproduktiv erwies. Jungs und Männer sind eben anders als Mädchen und Frauen und wollen und brauchen entsprechend auch Unterschiedliches. Hieran haben nur biologiefeindliche Romantiker Zweifel, deren liberalistische Grundhaltung der Gleichmacherei pädagogisch aber nicht weiterbringt. 

Nein: Jungs dürfen nicht nur, sie müssen Kämpfen lernen ! Das Kämpfen als solches ist ja nicht per se etwas Schlechtes, sondern nur die amoralische Art und Weise, der Umgang mit Sieg und Niederlage, mit eigener Überlegenheit und den eigenen Fehlern, die (herabsetzende) Behandlung der Schwächeren und (Idealisierung) der Stärkeren. Es ist die Frage der Ethik, die einen Söldner vom Krieger unterscheidet. Der Krieger ist ein kämpferisch gut ausgebildeter Ritter mit hoher Moral und strengem Ehrenkodex. Seine Tugenden sind neben Mut und Aufrichtigkeit die der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und: Mitgefühl. Solch ein ritterlicher Krieger kann Kämpfen, und weil er es kann, läßt er sich niemals leiten von Wut oder Hass (sie behindern gutes Kämpfen) und Schwächere sind niemals seine Gegner. Es gibt also vorbildliche Männer, die keine „Weicheier“, sondern stark, mutig, fit, mächtig und eben gerade nicht streit- und kampfsüchtig sind. Sie sind beherzt und besonnen und dadurch jedem streitsüchtigen Gernegroß, der auf jede Provokation hereinfällt und meint, sich offensiv „verteidigen“ zu müssen, überlegen.

In der sozialpädagogischen Jungenarbeit werden aus diesem guten Grund ja auch zunehmend Rauf- und Kampfspiele eingesetzt, um Männlichkeit und Fairness in regelgeleiteten Situationen gleichermaßen zu vermitteln. Sogar Boxen wird zuweilen angeboten, welches aufgrund der notwendigerweise feindseligen und auf die Verletzung des anderen (K.O.) abzielenden Einstellung gegenüber dem Kontrahenten eindeutig anti-soziale Haltungen kultiviert werden und deshalb ganz ausdrücklich als völlig ungeeignetes Instrument der Friedfertigkeitserziehung abgelehnt wird. Ein Boxer ist eben kein Krieger, kein tugendhafter Ritter, sondern allenfalls ein nach eigenen Regeln kämpfender Fighter, ein „Schläger“...

 

Der Friedvolle Krieger im Budo - der Sieg über sich selbst

Westlicher Kampfsport (Boxen, Ringen usw.) und fernöstliche Kampf-KUNST (japanischer Oberbegriff „Budo“) sind zwei völlig gegensätzliche Dinge: Im Kampf-„Sport“ zählt der Sieg über einen Gegner, in der Kampf-„Kunst“ nur der Sieg über sich selbst. Hier zählt nicht in erster Linie die äußere Leistung (Technik, Erfolg), sondern vielmehr die innere, d.h. „geistige“ (psycho-emotionale) Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit durch Ausübung eines ganzheitlichen („Körper-Seele-Geist“-)Weges, dem philosphischen und spirituell bedeutsamen „Do“ (jap. für „Weg“).

Do, d.h. der Weg als solcher schult, und ihn zu gehen ist Wert und Ziel allein. Seit eh und je stehen die Übungen der vom Yoga inspirierten traditionellen Budo-Künste im Dienste der Weiterentwicklung des Menschen, seines Charakters, der reifen Persönlichkeit (die die Meisterschaft der Kampfkunst definiert) durch systematische Arbeit am ganzen Selbst zwecks Erlangung von körperlicher UND geistiger Selbstbeherrschung. Der Kampf, d.h. das Verstehen der Ursachen von Aggressivität und Gewalt durch Selbsterfahrung im eigenen Erleben sowie jede Bewegung und Technik der Kampfkunst werden zum Vehikel der (Selbst-)Erziehung zum „guten“ Menschen. Kämpfen-können im Sinne des Budo erfordert ein hohes Maß an Selbstkontrolle, körperlich-technischer wie geistiger Art, erfordert emotionale Gelassenheit und ungetrübte Konzentration. Vorsicht, Rücksicht, und Weitsicht werden systematisch geübt. Der Gegner wird zum Traingspartner dafür, seine eigenen Unzulänglichkeiten (Angst, Wut, Überheblichkeit usw.) zu erkennen, zuzugeben und schließlich in den Griff zu bekommen, denn das allein erst ermöglicht „meisterlichen“ Fortschritt. Den anderen als Partner und „Freund“ bzw. „Weg“-Gefährten in der Gemeinschaft Gleichgesinnter wertzuschätzen ist stets oberstes Prinzip einer Budoschule, in der auf der Grundlage der buddhistischen Lebensideologie (aus der Budo als praktische Meditation hervorgegangen ist) jedwede Gewalt allein als Zeichen von Unbeherrschtheit, mangelndem (Selbst)-Bewußtsein und absolute Schwäche gesehen und verboten wird. Nur der zum Sanft-Mut fähige und zum Gewaltverzicht entschlossene Kämpfer hat das Sich-beweisen-müssen nicht mehr nötig und verkörpert den zwar kämpfen-könnenden aber nicht mehr -wollenden Friedvollen Krieger. Traditionelle Kampfkunst will also keine erfolgreichen (Wett-)Kämpfer, sondern „Friedvolle Krieger“ hervorbringen und ist damit DER Weg, Kämpfen zu lernen, um nicht mehr Kämpfen zu müssen (oder meinen-zu-müssen oder zu wollen). Weil in der Kampfkunst der Kampf letztlich transzendiert, also Aggressivität und Gewalt systematisch überwunden wird, ist Budo eine sich geradezu logischerweise aufdrängende Alternativmethode pädagogischer Gewaltprävention und -reduktion.

In der Arbeit mit gewaltbereiten und aggressiven  Kindern sowie jugendlichen und heranwachsenden jungen Männern wurden in den letzten Jahren Kampfkunst-Projekte als Anti-Aggressivitäts-Kurse ausgesprochen erfolgreich eingesetzt. Für deren besondere Effektivität hinsichtlich des gezielten Abbaus gewaltbereiter und Aufbaus prozialer Einstellungen und Verhaltensweisen sind die budotypischen Lernprinzipien des „Sozialen Lernens“, „Lernens am Modell“ und „Lernen am Erfolg“ verantwortlich, wonach im Budo - getreu dem Motto „Siegen durch Nachgeben“ - niemals offensiv-aggressive, sondern nur nicht-aggressive, defensiv-friedliche Übungen zum „Erfolg“ führen können. Im Budo ver-lernt man durch systematisch initiierte Lernprozesse nämlich „am eigenen Leib“, daß Gewalt etwa erfolgreich sei und er-lernt umgekehrt, daß nur der friedlichere und gelassenere der souveräne, bessere Kämpfer ist.  Wer sich selbst beherrscht, beherrscht den Kampf -  wer andere beherrschen will, verliert seine Selbstbeherrschung und den Sieg. Genau dieses zu lernen ist für gewaltbereite oder gewalttätige Jungs und junge Männer das wichtigste, denn sie gehen ja von anderen Erfahrungen und Vorstellungen aus. Daß ausgerechnet ein für die „männlichsten“ Jungs und jungen Männer derart attraktives (exotisches) Angebot wie Kampfkunst nun auch noch in der Anti-Gewalt-Arbeit die (wissenschaftlich nachgewiesenen) besten Ergebnisse liefert, macht eine „Budo-Pädagogik“ zum probaten Mittel sozialpädagogischer Gewaltprävention.

 

Budo-Pädagogik – ein neuer Ansatz

Die besondere Attraktivität oder gar Exklusivität des (ja mit Männlichkeit und Kampf assoziierten) Lernfeldes „Budo“ verspricht, auch die ansonsten nur schwer zu erreichenden Jugendlichen in erzieherische Angebote bzw. Programme zu bekommen und zur Mitarbeit zu motivieren – erst recht besagte Macho-Jungs. Budo garantiert in seiner Körperorientierung Aktivität und Abenteuerlust, entspricht dem Bedürfnis nach und der Freude an Wagnis und Risiko, Erprobung, Bewährung und Meisterung, ermöglicht die Arbeit an und mit den männlichen Ressourcen und Qualitäten wie Fitness, Kraft und Ausdauer auf der einen sowie die notwendige Auseinandersetzung mit zentralen jugend- (und jungen-)gemäßen Fragen von „gut und böse“, Sieg und Niederlage, Erfolg, Selbstwert und Status auf der anderen Seite. Aufgrund der in vielen pädagogischen und therapeutischen Feldern zunehmenden und erfolgreichen Arbeit mit dem Mittel der asiatischen Kampf- und Bewegungskünste (wie z.B. Judo, Karatedo, Aikido, Kung-Fu oder Tai-Chi im Bereich der Jugendhilfe, des Jugendstrafvollzugs oder der Kinder- und Jugendpsychiatrie) gewinnt das neu entstandene Gebiet der Budo-Pädagogik nicht nur, aber besonders auch im Anti-Gewalt-Bereich und damit der speziellen Jungenarbeit an Bedeutung. Budo-Pädagogik basiert auf der Theorie und Praxis der persönlichkeitsfördernden Kampfkünste sowie den bisherigen Erfahrungen und Erkenntnissen des >Budo in Pädagogik und Therapie< einerseits, wie den Nachbardisziplinen Erziehungswissenschaften, Psychologie, Philosophie und Sportwissenschaften andererseits. Die berufsbegleitende Weiterbildung zum Budo-Pädagogen / zur Budo-Pädagogin (am Institut für Jugendarbeit Gauting, München) trägt den innovativen Methoden körperorientierter Sozial- und Erlebnispädagogik Rechnung und ist damit ein weiterer Baustein, um in der Jungenarbeit Friedvolle Krieger anstelle soldatischer Männer zu erziehen...

 

Weiterführende Literatur:

Wolters, J.M.: Kampfkunst als Therapie – Die sozialpädagogische Relevanz asiatischer Kampfsportarten, aufgezeigt am Karatedo zum Abbau der Aggressivität und Gewaltbereitschaft bei inhaftierten Jugendlichen; Frankfurt u.a., 4.Auflage 2000

Dr. phil. Jörg-M. Wolters
(Shoto-Kempo-Ryu, 6.DAN),
Erziehungswissenschaftler, Anti-Aggressivitäts-Trainer,
ist Lehrbeauftragter für Sozialpädagogik und
Leiter des Instituts für Budopädagogik.
Kontakt: dr.j.m.wolters@t-online.de  Tilsiter Str. 11, 21680 Stade
www.budopaedagogik.de