Studiengang:    Lehramt
Fach:               Erziehungswissenschaft
Seminar:         Theorien der menschlichen Aggression
Leitung:          Manfred Heitzer
WS 94/95

Titel der Arbeit:

Die Bedeutung verschiedener Aggressionstheorien
in Hinblick auf den praktischen Umgang mit Aggressionen

INHALTSVERZEICHNIS

Literaturverzeichnis
Einleitung
1        Was ist Aggression?
2         Die wichtigsten Theorieansätze
2.1      Das Triebmodell nach Konrad Lorenz
2.2      Das Triebmodell nach Sigmund Freud (1920)
2.3      Die Frustrations-Aggressions-Theorie
2.4      Die Lerntheorie
2.4.1   Lernen am Erfolg
2.4.2   Lernen am Modell
3         Wer recht hat
4         Was man tun kann
5         Strafen und aggressive Erziehungsmethoden
6         Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Bergsson, Marita: Interventionsstrategien, Essen 1993 (Unveröffentlichtes Manuskript)

Gordon, Thomas: Lehrer—Schüler—Konferenz. Wie man Konflikte in der Schule löst. München: Wilhelm Heyne Verlag; ungekürzte Taschenbuchausgabe 1989

Gratzer, Manfred: Mit Aggressionen umgehen. Braunschweig:

Westermann Schulbuchverlag 1993

Lorenz, Konrad: Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression. München: Deutscher Taschenbuch Verlag; ungekürzte Ausgabe 1983

Plack, Arno (Hrsg.): Der Mythos vom Aggressionstrieb.

München: Paul List Verlag 1973

Selg, Herbert (Hrsg.): Zur Aggression verdammt? Ein Überblick über die Psychologie der Aggression.

Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer;

5., unveränderte Auflage 1978

Stein, Arnd: Wenn Kinder aggressiv sind. Wie wir verstehen und helfen können. München: Kösel-Verlag;

6., völlig überarbeitete Neuauflage 1995


Einleitung

Was ist Aggression? Warum verhalten sich Menschen aggressiv? Wie kann man mit Aggressionen umgehen, bzw. sie verhindern?

Zu diesen Fragen gibt es die unterschiedlichsten Antworten und Theorien. Die wichtigsten Erklärungsansätze sollen in. dieser Arbeit kurz dargestellt und bezüglich ihrer Bedeutsamkeit für den Umgang mit Aggressionen hinterfragt werden.

Da sich Pädagogen und Eltern in letzter Zeit verstärkt über eine Zunahme der Aggression bei Kindern und Jugendlichen beklagen, sollen hilfreiche Maßnahmen angesprochen werden, die nicht den Anspruch der endgültigen Wahrheit erheben, sondern zur weiteren Beschäftigung mit der entsprechenden Literatur anregen sollen.

Dabei steht die Vielfältigkeit der möglichen Ursachen und Erscheinungsformen von Aggression und Aggressivität im Vordergrund, die eine Vielfältigkeit der möglichen Reaktionen impliziert.

 

1 Was ist Aggression?

In der wissenschaftlichen Literatur finden sich die unterschiedlichsten Definitionen des Begriffes ,,Aggression".

Weitgehend wird eine Schädigung als wesentliches Merkmal der Aggression betrachtet, wobei es sich sowohl um Lebewesen als auch um Gegenstände handeln kann.

Jedoch kann jeder einen anderen Menschen oder einen Gegenstand auch versehentlich (be)schädigen. So wird es niemand als Aggression bezeichnen, wenn im Gedränge jemand einem anderen auf den Fuß tritt oder jemand beim Anziehen seines Mantels einen Gegenstand umreißt.

Üblicherweise entschuldigt sich der vermeintliche Aggressor in einer solchen Situation beim Geschädigten, da im allgemeinen die Absicht der Schädigung als Aggression gilt.1

Leider jedoch ist diese Absicht nicht immer klar erkennbar. Angenommen A. ärgert sich in der überfüllten Straßenbahn über den unangenehm riechenden B. neben ihm und nutzt die erstbeste Gelegenheit, ihm ganz ,,versehentlich" einen kräftigen Stoß zu verpassen. A. entschuldigt sich natürlich höflich, wodurch B. die durchaus aggressive Handlung nicht als solche auffaßt.

Umgekehrt gibt es aber auch Situationen, in denen ein Verhalten als aggressiv eingestuft wird, obwohl es ,,nicht so gemeint" ist.

Ob eine Handlung als Aggression bezeichnet wird oder nicht hängt aber nicht nur vom Standpunkt des Betrachters, sondern auch vom allgemeinen Kontext ab.

Die Verletzung eines anderen Menschen würden wir sicher als Aggression bezeichnen. Für einen Kampfsportler ist diese Handlung durchaus legitim und bei einem Arzt, der seinem Patienten eine Injektion gibt, eine Operation vornimmt oder einen falsch zusammengewachsenen Knochen nochmals bricht, würden wir diese Handlungen sogar als notwendig betrachten. Der Arzt handelt also zum Wohle des Patienten.

Wie verhält es sich aber mit dem Vater, der seinem Sohn eine ,,ordentliche Tracht Prügel" verpaßt, damit er lernt, was sich gehört?

Der Vater würde sicherlich angeben, nur zum Wohle seines Kindes zu handeln, wohingegen der Sohn anderer Meinung sein dürfte.

Ein anderes Beispiel: C. fängt eine Schlägerei mit D. an. Dieser wehrt sich und verletzt C. dabei erheblich. In der wissenschaftlichen Literatur herrscht vorrangig die Meinung, nur der Angreifer sei als aggressiv zu betrachten, nicht aber derjenige, der sich verteidigt.

Doch auch in der Verteidigung liegt eine schädigende Absicht, obgleich diese aus einer Notsituation entstanden ist. 2 Man sieht also, daß die Definition von Aggression als Handlung mit schädigender Absicht durchaus Verhaltensweisen beinhaltet, die wir nicht als Aggressionen bezeichnen. Andererseits erfaßt sie bestimmte eindeutig aggressive Handlungen nicht.

Was wir als Aggression bezeichnen, hängt vielfach davon ab, wer sie ausübt, wie wir sie erleben und welche Gefühle dadurch in uns ausgelöst werden. Diese Individualität verhindert sowohl eine eindeutige Definition als auch Rezepte im Umgang mit Aggressionen.

Wenn wir aber über den Einzelfall genauer nachdenken müssen, bietet sich auch eine Chance, den Teufelskreis von Aggression und Gegenaggression aufzubrechen, eigene Fehler zu erkennen und Handlungsalternativen anzubieten.


2 Die wichtigsten Theorieansätze

2.1 Das Triebmodell nach Konrad Lorenz

Der wohl bekannteste Erklärungsansatz zur Aggression stammt von Konrad Lorenz. Der 1973 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Verhaltenspsychologe veröffentlichte 1963 ,,Das sogenannte Böse", ein Triebmodell zur Aggression. Seine Theorie ist noch heute aktuell, der dtv Verlag postuliert im Klappentext sogar ,,[...] den epochalen Rang des Werkes [...],,.

Lorenz definiert Aggression als den ,,II...] auf den Artgenossen gerichteten Kampftrieb von Tier und Mensch."3 Der Aggressionstrieb ist ,,[...] ein echter, primär arterhaltender Instinkt [...]", also eigenständig und spontan.

Zwischenartliche Auseinandersetzungen sind keine Aggressionen; der Aggressionstrieb bezieht sich nur auf den Artgenossen und dient der gleichmäßigen Verteilung der Individuen einer Art auf den Lebensraum, um eine ausreichende Versorgung mit Nahrung zu sichern. Weiterhin dient die intraspezifische Aggression der geschlechtlichen Zuchtwahl5 und der Brutverteidigung. Folglich ist das Brutpf lege treibende Geschlecht das aggressivere: "Beim Menschen soll das ähnlich sein."6

Der menschliche Aggressionstrieb, der ,,[..] uns Menschen heute noch als böses Erbe in den Knochen sitzt [...] entstand ,,[...] durch einen Vorgang der intraspezifischen Selektion [...], der durch mehrere Jahzehntausende, nämlich durch die ganze Frühsteinzeit, auf unsere Ahnen eingewirkt hat."7

Wie jede Instinkthandlung erfolgt auch die intraspezifische Aggression aufgrund von auslösenden Reizen. Sind diese Reize nicht vorhanden, sucht das Tier (und auch der Mensch) diese auslösenden Reize (Appetenzverhalten), und ist nach geraumer Zeit auch bereit, ähnliche Reize als Auslöser zu akzeptieren (Schwellenerniedrigung):

,,In der Not frißt der Teufel Fliegen."8

,,Analoges kann man am Menschen beobachten."9 , wie Lorenz am Beispiel seiner Tante, die in regelmäßigen Abständen ihr Hausmädchen entließ, verdeutlicht. 10

Aggressionen können z.B. durch lächeln und persönliche Bekanntschaften gehemmt, und durch Sport oder Wettkämpfe in unschädliche Bahnen umgelenkt werden.11

Riten kontrollieren die Aggression und bilden ein ,,[... ] Band zwischen Individuen einer Art."12

Das Fazit lautet also:

Aggressionen sind angeboren, können nicht verhindert werden und müssen also gehemmt oder umgeleitet werden.

Wie populär dieses ,,Dampfkesselmodell" ist, zeigt sich in Redewendungen wie: ,,Der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt", ,,Dampf ablassen" oder ,,Mir platzt gleich der Kragen".

Natürlich gibt es Tage, an denen alles daneben geht, an denen man gereizter ist und eher aggressiv reagiert. Die Theorie von Lorenz bietet für manche Situationen eine Erklärung, widerspricht aber auch real vorkommenden Situationen. Denn wie ist es zu erklären, daß sich z.B. Fußballspieler, die doch ihre Aggressionen bereits ,,abreagieren" konnten, plötzlich zu prügeln beginnen?13

Dies ist nicht der Platz, Gegenbeispiele für Lorenz‘ Modell anzuführen, andere Autoren haben das zur Genüge getan.14 Ich halte es jedoch für wesentlich, die Verantwortung nicht auf einen angeborenen Trieb abzuwälzen, sondern auch andere Entstehungsursachen von Aggressionen zuzulassen, zumal der Analogieschluß vom Tier auf den Menschen nicht immer zutreffend ist.

Doch wie Konrad Lorenz selber schreibt:

,,[...] denn die Natur ist so vielgestaltig, daß man auch für völlig abstruse Hypothesen bei fleißigem Suchen scheinbar überzeugende Beispiele finden kann."15

 

1 Vgl. Gratzer (1993), S. 11
2 Vgl. dazu Stein (1995), S. 13 — 20
3 Lorenz (1983), S.7
4 Ebd., S. 55
5 Vgl. ebd., S. 45
6 Ebd., S. 49
7 Ebd., S. 48
8 Ebd., S. 57
9 Ebd., S. 60
10 Vgl. ebd.
11 Vgl. ebd., S. 248
256
12 Ebd., S. 81
13 Die in Gratzer (1993), S. 15 angeführten Studien von Hornberger (1959), Zillmann u.a. (1972) und Peper (1981) widerlegen die Annahme, man könne Aggressionen durch körperliche Betätigung abreagieren.
14 Vgl. dazu die Beiträge der Autoren in: Plack (1973), sowie Jacobi, Selg und Belschner in: Selg (1978), S. 49 53 und Stein (1995), S. 25 27
15 Lorenz (1983), S. 9

2.2 Das Triebmodell nach Sigmund Freud (1920)

Freud postulierte einen eigenständigen Todestrieb (Thanatos), der dem Lebenstrieb (Eros) gegenübersteht.

Gewinnt der Todestrieb die Übermacht, kann das zu Depressionen und sogar zur Selbstzerstörung führen. Der Aggressionstrieb ist der nach außen gerichtete Todestrieb, der, durch Ausrichtung auf Objekte außerhalb der eigenen Person, den Menschen von der zerstörerischen Wirkung des Todestriebes entlastet.

Je stärker die Aggressionshemmung ist, umso mehr richtet sich die Aggression gegen das Selbst. Eine Triebunterdrückung ist also nicht erwünscht. Vielmehr sollte man eine Verschiebung auf ein Ersatzobjekt vornehmen. 16

Fazit: Wenn geeignete Ersatzobjekte vorhanden sind, können Aggressionen abreagiert werden, ohne daß jemandem geschadet wird.

Dieses Prinzip wird heute durchaus an einigen Schulen durchgeführt. Es gibt dort Sandsäcke, auf die die Kinder einschlagen können.

Wie Lorenz erwähnt auch Freud nicht, daß die Aggression selbst vielfach bewußt eingesetzt wird, um etwas zu erreichen. Der strafende Vater, der seinem Kind Verstand einprügeln will, der Schüler, der einen anderen unter Androhung von Strafe erpreßt oder auch der Bankräuber, der eine Geisel erschießt, setzt Aggression ein, um Angst zu erzeugen und sein Ziel zu verwirklichen.

16 Vgl. Selg (1978), S. 41 44


2.3 Die Frustrations-Aggressions-Theorie

Die 1939 von Dollard, Doob, Miller, Mowrer und Sears veröffentlichte Theorie sieht Aggression als ein reaktives Verhalten.

Die Grundannahmen lauten:

,,Aggression ist immer eine Folge von Frustration", bzw. ,,Frustration führt immer zu einer Form von Aggression", wobei ,,[...] die Störung einer bestehenden zielgerichteten Aktivität [.. ],, als Frustration gilt.17

,,Die Stärke der Aggressionsneigung hängt von [...] der Stärke der frustrierten Aktivität [...], vom Grad der Störung [...] und von der Anzahl der Störungen [... ]" ab.18

Ähnlich wie bei Freud und Lorenz gibt es die Hemmung, die Verschiebung, die Selbstaggression und die Katharsis)19

Die Frustrations Aggressions Theorie wurde vielfach modifiziert, wobei jeweils eine andere Reaktion auf Frustration benannt wurde. Miller und Sears erklärten später, Frustration könne verschiedene Verhaltensweisen nach sich ziehen, unter anderem Aggression. Sie wiederholten jedoch ihre Behauptung, jede Aggression sei eine Folge von Frustration.20

Viele Eltern zogen aus diesen Hypothesen die Schlußfolgerung, sie müßten ihren Kindern nur alle Frustrationen ersparen und hätten somit das Aggressionsproblem gelöst. Ein Trugschluß, wie sich bald herausstellte, denn diese ,non—frustrated—children" erwiesen sich als hochgradig aggressiv.

Da die Eltern ihnen zwar viele, aber nicht alle Frustrationen ersparen konnten, hatten diese Kinder niemals gelernt, mit Frustrationen umzugehen. Die geringe Frustrationstoleranz führte zu unangemessen heftigen Reaktionen.

Einige Vertreter der Lerntheorie nahmen die Hypothese auf, daß auf Frustration verschiedene Verhaltensweisen folgen können. Sie beleuchteten dabei insbesondere die Frage, warum gerade die Aggression häufig als Reaktion vorkommt. Die Antwort ist simpel: Kinder lernen schnell, daß sie durch eine Steigerung der Intensität ihrer Handlung ihr Ziel erreichen können. Diese (zunächst neutrale) hohe Intensität kann in bestimmten Situationen zur Aggression werden, die durch ihren Erfolg zu einem Transfer auf ähnliche Situationen beiträgt: ,,Bei dem Bestreben, ein bestimmtes Spielzeug o.ä. zu »besitzen«, lernt ein Kind, daß man mit einem Hieb mehr als mit guten Worten erreicht. ,,21

Also: "Aggressionen lernt man leicht. Ihnen folgt zu oft unmittelbar der Erfolg. [...] Konstruktive Bewältigungen von Frustrationen sind schwerer zu erlernen."22

Näheres zur erlernten Aggression folgt unter 2.4.

17 Selg (1978), S. 11
18 Ebd., S. 12
19 Ebd., S. 12 f.
20 Vgl. ebd., S. 13 23
21 Selg (1978), S. 19
22 Ebd.

2.4 Die Lerntheorie

Die Lerntheorie23 geht davon aus, daß die meisten Verhaltensweisen gelernt werden. Für das Lernen von aggressivem Verhalten spielen dabei das Lernen am Modell und das Lernen am Erfolg eine besondere Rolle.

2.4.1 Lernen am Erfolg

Erfolg oder Mißerfolg einer Verhaltensweise bestimmen im wesentlichen, ob das Verhalten in einer ähnlichen Situation wiederholt wird.

Die logische Schlußfolgerung der ist also, erwünschtes Verhalten zu einem Erfolg, unerwünschtes Verhalten zu einem Mißerfolg ,,werden zu lassen".

Individuelle Belohnungen (Verstärker) sollen das erwünschte Verhalten stabilisieren. Um ein unerwünschtes Verhalten abzubauen, wird meist eine Strafe eingesetzt.

Strafen jedoch löschen das problematische Verhalten nicht, sie führen nur dazu, daß diese Verhaltensweisen kurzfristig unterdrückt werden. Desweiteren führen sie dazu, daß das Kind sich in seiner ganzen Persönlichkeit abgelehnt fühlt, der Zusammenhang zwischen Verhalten und Strafe ist oft nicht einsichtig.

23 Hier sollen lediglich die Aspekte der Lerntheorie dargelegt werden, die für das Erlernen von Aggressionen bedeutsam scheinen.

Desweiteren ist zu bedenken, daß nicht jedes Fehlverhalten bestraft wird. Wenn die Wahrscheinlichkeit des Erfolges größer ist, als die der Bestrafung, wird das Verhalten beibehalten. Der Erfolg dient als Intervallverstärker.

Durch aggressives Verhalten wird oftmals ein übergeordnetes Ziel verfolgt, für das es sich lohnen kann, die Strafe in Kauf zu nehmen. Wer in der Schule ein anderes Kind verprügelt wird zwar vielleicht von Eltern und Lehrern bestraft, kann sich aber des Respekts und der Bewunderung seiner Mitschüler sicher sein.

Für viele Kinder ist Aggression das einzige Mittel, um Aufmerksamkeit zu erringen, denn Verhalten, an dem nichts auszusetzen ist, wird meist von Eltern und Lehrern nicht zur Kenntnis genommen.

Ein Praktikant an einer Schule für Erziehungshilfe berichtete, ihn habe in der ersten Woche ein Schüler jeden Morgen kräftig vor das Schienbein getreten. Anfang der zweiten Woche sagte der Praktikant als erstes: "Wenn Du mich begrüßen willst, kannst Du mir auch die Hand geben!", was der Schüler dann auch täglich tat.

In diesem Beispiel scheint noch ein anderer Faktor bedeutsam: Das Aufzeigen von alternativen Verhaltensweisen. Kinder und Jugendliche besitzen weder eine soziale Position, die Konflikte verhindert, noch verfügen sie über die gleiche Sprachkompetenz und die gleiche Vielfalt an Erfahrung im Umgang mit Konflikten wie Erwachsene. Ihre Handlungsmöglichkeiten sind also eingeschränkt, und Aggressionen sind oft ein einfacher Weg, Konflikte zu bewältigen. Daß Aggressionen erfolgreich sind, zeigt die Hilflosigkeit von Eltern und Lehrern. In Zugzwang geraten, wissen sie oft selbst keine andere Möglichkeit als aggressives Verhalten, wodurch sie zum negativen Vorbild werden. Wie sollen Kinder also alternative Reaktionen auf Konflikte erlernen?

2.4.2 Lernen am Modell

Das Lernen am Modell oder durch Nachahmung spielt eine große Rolle beim Erlernen komplexer Verhaltensweisen. Spracherwerb, Verhalten im Straßenverkehr und auch vielfach die Erziehung der eigenen Kinder wird durch das Beobachten von geeigneten Modellen und durch entsprechende Nachahmung gelernt.

Der Grund dafür ist simpel: Es ist einfacher, ein offensichtlich erfolgreiches Verhalten nachzuahmen, als es sich selbst durch Versuch und Irrtum anzueignen.

In vielen Fällen (wie z.B. im Straßenverkehr) könnte das Ausprobieren sogar fatal enden.

Ob ein Modell nachgeahmt wird, hängt natürlich von den Konsequenzen ab: Erfolgreiches Verhalten wird eher nachgeahmt als nicht erfolgreiches.

Lehrlingsverhältnisse basieren auf dem Prinzip des Lernens am Modell, der Meister zeigt dem Lehrling, wie etwas gemacht wird, statt es ihn selbst herausfinden zu lassen. Wenn Eltern und Lehrer sich in ihren Erziehungsmethoden aggressiv verhalten, zeigen auch sie den Kindern ,,wie etwas gemacht wird". Das heißt einerseits liefern sie ein Modell dafür, wie man sein Ziel erreicht, andererseits zeigen sie, wie Kinder erzogen werden, so daß dieses aggressive Modell an die nächste Generation weitergegeben wird.

Man könnte nun einwenden, daß aggressive Erziehungsmethoden vom Kind fast immer als ungerechtfertigt betrachtet werden. Warum sollte also jemand dieses Verhalten als Erwachsener selbst ausüben?

Viele Eltern suchen sicherlich nach anderen Methoden. Andere jedoch vergessen anscheinend, wie sie sich als unterlegene Kinder gefühlt haben, und argumentieren damit, ihre Erziehung sei durchaus erfolgreich gewesen, denn schließlich seien sie ,,anständige" Menschen geworden.

Doch nicht nur Eltern und Erzieher liefern Modelle für die Wirksamkeit aggressiven Verhaltens. Schule, Freundeskreis und Fernsehen liefern zahlreiche Situationen, in denen aggressive Modelle zur Nachahmung auffordern.

Aus der Lerntheorie ließe sich schlußfolgern, man müsse zum Verringern, bzw. Verhindern von Aggressionen erwünschtes nicht—aggressives Verhalten belohnen, aggressives Verhalten ignorieren, ein beispielhaft friedfertiges Modell sein und den Kontakt zu anderen aggressiven Modellen möglichst verhindern.

Abgesehen davon, daß dies nicht praktikabel ist, lassen sich Beispiele bringen, bei denen dieser Erklärungsansatz nicht greift: Selbst der friedfertigste Mensch kann irgendwann ,,aus der Haut fahren" und längst nicht alle Kinder, die mit aggressiven Modellen konfrontiert werden, verhalten sich aggressiv.


3 Wer recht hat

Alle bisher angeführten Erklärungsansätze weisen Lücken auf. Aber ist es sinnvoll, ein Problem nur von einem Standpunkt aus zu beleuchten?

Der Begriff ,,Aggression" umfaßt eine Vielzahl menschlicher Verhaltensweisen, die sicher nicht alle spontan-triebhaft sind. Der Mensch ist aber auch keine ,,Reaktionsmaschine" und ,,spult" auch erfolgreiche Verhaltensweisen nicht immer wieder stur ab.

So unterschiedlich die Erscheinungsformen menschlicher Aggressionen sind, so unterschiedlich können auch die Ursachen und die pädagogischen Maßnahmen sein.

 

4 Was man tun kann

Viele derer, die sich über Aggressionen beklagen, neigen dazu, ihren eigenen Anteil abzustreiten. Schuld ist die Schule, das Fernsehen, die Leistungsgesellschaft oder der falsche Umgang.

Sich seiner aggressiven Verhaltensweisen im Umgang mit Kindern bewußt zu werden und dabei nicht mit zweierlei Maß zu messen, ist der erste Schritt.

Lob motiviert, das wird leider zu oft vergessen. Stattdessen fallen unerwünschte Verhaltensweisen viel eher auf und werden sanktioniert. Nur das Ungewöhnliche scheint erwähnenswert, deshalb wird viel getadelt und wenig gelobt. Es erscheint mir bedeutsam, daß Kinder verschiedene Verhaltensweisen ausprobieren und auf ein Feedback angewiesen sind. Lob steigert das Selbstvertrauen und gibt Mut, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Sicherlich ist es auch notwendig, auf unangemessene Verhaltensweisen hinzuweisen. Wer allerdings oft gelobt wird, kann Kritik leichter ertragen. Günstig ist es auch, störende Verhaltensweisen genau zu benennen, denn dies impliziert im Gegensatz zu einem pauschalen Verweis (,,Mein Gott, Du benimmst Dich mal wieder unmöglich!") keine generelle Ablehnung.

Thomas Gordon verweist in diesem Zusammenhang auf die Wirksamkeit von ,,Ich—Botschaften", die als erstes das unerwünschte Verhalten wertfrei beschreiben (,,Wenn Du dauernd Deinen Platz verläßt...), den konkreten Effekt des Verhaltens benennen (... ,dann werde ich jedesmal abgelenkt...) und zuletzt die dadurch ausgelösten Gefühle wiedergeben (... und das ärgert mich!")24

Verständnis für aggressives Verhalten zu zeigen, ist eine weitere Möglichkeit, brisante Situationen zu entschärfen. Vielfach entstehen Aggressionen aus Angst, sie sind lediglich ein Vermeidungsverhalten. Die Ursachen durch ,,spiegeln"25 oder ,,interpretieren"26 zu ergründen, macht dem Kind die Verbindung von Verhalten und Gefühl deutlich.

Mit fortschreitender kognitiver Entwicklung kann das Kind auf dieser Basis lernen, sich durch Worte mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Auch wenn aus Überforderung oder infolge von Frustrationen der sprichwörtliche ,,Kragen platzt" kann ein Gespräch Verständnis ausdrücken und die Aggression umlenken. Ein Gespräch zwischen Erzieher und Kind ist sicherlich problematisch, wenn sich die Aggression gegen den Erzieher richtet. Eine andere Person könnte diese Aufgabe allerdings übernehmen.

Auch Unsicherheit und Angst kann Aggressionen hervorrufen. Dann ist es hilfreich, die Situation durchschaubar zu machen. Oftmals wissen Schüler nicht, was von ihnen erwartet wird und haben unbegründete Ängste. Transparenz im Unterricht kann diese Konflikte vermeiden.-- -

Aggressionen bei Kindern und Jugendlichen gehen oft mit Wut und Arger einher, was jegliche Gespräche und Einsichten verhindert. Eine Herausnahme aus der Situation ist dann oft die einzige Methode, das Kind zu beruhigen. Angezeigt ist diese Maßnahme insbesondere, wenn andere gefährdet sind.

Gerade wenn Aggressionen als Folge von Frustrationen auftauchen, kann das Anbieten von Alternativen einen Konflikt verhindern helfen. Denn auch ein konstruktiver Umgang mit Frustrationen kann erlernt werden: Nicht jeder, der seinen Schlüssel vergessen hat, schlägt gleich die Tür ein. Manche setzen ihren ganzen Ehrgeiz daran, die Tür ohne Schlüssel aufzubekommen und sind anschließend stolz auf ihren Erfolg.

Andererseits kann es auch ratsam sein, Aggressionen zu ignorieren. Kinder und Jugendliche versuchen häufig, Erwachsene zu provozieren, um sie ,,auszutesten" oder um vor anderen gut darzustehen. Ignoriert man solche Aggressionen oder begegnet ihnen mit Humor, verhindert man, daß das Ziel erreicht wird.

Dies sind nur einige Reaktionsmöglichkeiten. Wer in einer spezifischen Situation über die entsprechende Ursache nachdenkt, wird sicherlich andere finden.

24 Vgl. dazu Gordon (1989), S.120 131
25 Vgl. Bergsson (1993), S. 10. Der Begriff ,,spiegeln" entspricht dem ,,aktiven Zuhören" und meint die wertfreie Wiedergabe des Gesagten.
26 Vgl. ebd., S. 11. ,,Interpretation" ist eine Ergänzung zum Spiegeln. Dabei werden zusätzlich die (vermuteten) Emotionen benannt.

5 Strafen und aggressive Erziehungsmethoden

Die Wirksamkeit, bzw. die Notwendigkeit von Strafen ist umstritten. Strafen sollen dazu führen, daß der ,,Täter" sein Unrecht einsieht, und sie sollen abschrecken.

Häufig bewirken Strafen jedoch, daß der Bestrafte sich ungerecht behandelt fühlt, wütend und ärgerlich wird und sein Unrecht keineswegs einsieht. Neben der Problematik, als aggressives Modell zu fungieren, läßt der Strafende also meist eine Gegenaggression aus, paradoxerweise um ,,Frieden zu stiften".

Daß Strafen oft in Kauf genommen werden, wurde bereits erwähnt. Daß sogar die Todesstrafe nicht abschreckt, zeigt die amerikanische Statistik.

Soll man also auf Strafen verzichten, weil sie nicht wirksam und sowieso moralisch verwerflich sind? Die gestreßte Mutter, die ohne Erfolg mit Engelszungen auf ihr Kind eingeredet hat, wird dem sicher nicht zustimmen.

Eltern können ihre Kinder nicht einfach gewähren lassen, und viele Situationen erfordern ein schnelles Handeln. Aggressive Erziehungsmethoden und Strafen sind im Verhaltensrepertoire schnell verfügbar, und kurzfristig wirken sie auch.

Langfristig jedoch scheint das Gewissen des Kindes, seine Einsicht einen größeren Einfluß auf das Verhalten zu haben.

Strafen, die in einem direkten Zusammenhang mit dem unerwünschten Verhalten stehen (z.B. den angerichteten Schaden wieder beheben, etwas ersetzen müssen u.ä.) fördern die Einsicht mehr als die ,,Tracht Prügel".

Außerdem: Je sparsamer mit der Strafe umgegangen wird, umso wirksamer ist sie.

Angenommen ein A hat noch niemals eine Ohrfeige bekommen. Passiert dies dann doch einmal, wird er wahrscheinlich sehr erschreckt darüber sein und den ,,Ausnahmezustand" erkennen.

B, der ständig geohrfeigt wird, sucht die Schuld sicherlich nicht in seinem Verhalten, denn anscheinend kann er den Eltern ja nichts recht machen. Seine Wut wird ungleich größer sein als die von A, und vielleicht sinnt er sogar auf Rache.

Diesen Effekt können auch andere Strafen und aggressive Erziehungsmethoden erzielen. Wenn sich ein Kind ständig unzulänglich, abgelehnt, unterdrückt und gedemütigt fühlt, stumpft es gegen die Strafe ab und empfindet nur noch Wut.

Sicherlich löst jede Strafe Ärger aus, aber es macht einen Unterschied, ob ein Kind auf die Eltern nur ,,sauer" ist oder sie haßt.

Auch die Art und Weise wie eine Strafe ausgesprochen wird, wirkt sich auf die Befindlichkeit aus: Ein ernster und strenger Tonfall setzt Grenzen, aggressives ,,Anbrüllen" macht angst.


Zusammenfassung

Aggressionen können als Folge von Frustrationen entstehen, sie können unvermittelt ausbrechen, um sich ,,Luft zu verschaffen" oder auch erlernt sein.

Es gibt offene und versteckte, affektive und geplante, angreifende und verteidigende Aggressionen, Aggressionen aus Angst, Streß, Überforderung und Unsicherheit. Um eine angemessene Reaktion zeigen zu können, muß man die individuelle Ursache kennen oder herausfinden.

Nicht jede Aggression ist es wert, auf sie zu reagieren, und nicht auf jede Aggression läßt sich eine hilfreiche Reaktion finden.

Wichtig ist es, die Ruhe zu bewahren, Strategien zu erproben und bezüglich ihrer Wirksamkeit zu überdenken. Aggressionen provozieren Gegenaggressionen. Wenn man aber das Gefühl, sich wehren zu müssen überwinden und die Situation sachlich einschätzen kann, kann man auch verstehen und helfen.