Mehr als leere Hände
(von  Marc Sigle aus "Kick", 1997)

 

 

Norman Sandler über die Waffen im Kenpo-Karate

"Ich komme zu Dir nur mit Karate, den leeren Händen. Ich trage keine Waffen. Doch sollte ich mich verteidigen müssen, meine Prinzipien oder meine Ehre, so sind dies meine Waffen: Karate, die leeren Hände."

Das Glaubensbekenntnis des American Kenpo ist nur zum Teil korrekt, denn längst beschäftigen sich die Kenpoists mit dem Waffentraining. Es gibt ein Set mit dem Langstock, eines mit Kurzstöcken und eine Form mit Kurzstöcken. Außerdem werden Messer und Nunchaku als Kenpo-Waffen bezeichnet. Norman Sandler, ein Kenpo-Instructor auf Long Island, New York, erklärt, was es mit den "Kenpo-Sticks" auf sich hat:

Mr. Parker hat eigentlich immer von Knüppeln gesprochen, nicht unbedingt von Sticks. Ein Knüppel kann alles sein, selbst eine Autoantenne. Außerdem soll man Kenpo nicht mit Kali oder Arnis verwechseln. Die Prinzipien der Waffen im Kenpo sind Ableiten, Kontrollieren und Entwaffnen. Wer eine Waffe nicht richtig ableiten kann, braucht überhaupt nicht weiterzumachen. In einem richtigen Kampf wäre er schnell tot. Man muss als erstes lernen, wie man von einer Technik wegkommt. Bei den Doppelstocktechniken lernt man, mit dem zweiten Stock den Gegner zu kontrollieren, zu "checken." Dieses Check-Prinzip ist ein wichtiger Pfeiler des gesamten Kenpo-Systems, denn mit den Händen wird das Gleiche gemacht. Die Waffen sind als Verlängerungen der Arme gedacht. Was man mit den Händen tun kann, sollte man auch mit Sticks oder Messern ausführen können. Ein Stock kann auf verschiedene Arten eingesetzt werden: Ich kann das kurze Ende verwenden, die Spitze, die lange Seite. Ich kann schlagen, parieren, stoßen. Ich kann z.b. auch das kurze Ende einhaken, um den Stock des Gegners zu kontrollieren. Die Basis aller Systeme liegt in offenen Dreiecken, horizontalen Linien und dem Muster einer acht (Anm. der Redaktion: Vergleich zum Wing Chun). Jede Bewegung basiert auf diesen Prinzipien oder stellt eine Kombination dieser Muster dar. Das Universal Pattern beschreibt die Bewegungsmöglichkeiten im Kenpo. Es gibt Linien, Kreise, Dreiecke, halbe Kreise, Achter, etc. Alle Bewegungsmuster basieren darauf. Man kann Parallelen zwischen dem Kenpo-Stockkampf und den philippinischen Systemen entdecken. Ed Parker hat seine Form des Stockkampfs so entwickelt, dass es in das Gesamtsystem des Kenpo passt. Das ist der feine Unterschied. Die Philippinos haben ihr System auf Schwert- und Machetenkampf ausgerichtet (und nicht auf die Kompatibilität zu anderen Techniken). Letztlich muss es einfach zusammenpassen. Ed Parker hat sein System stets weiter entwickelt. In den Sechzigern sah es anders aus als in den Siebzigern, und in den Achtzigern sah es wieder anders aus. Nun überarbeiten wir es. Es muss immer aus einem neuen Niveau steigen. Beim Stick-Set bringen wir Körper und Geist zusammen. Wie geht das? Es ist genau wie bei den waffenlosen Formen. Alles muss harmonisch ablaufen. Hüftdrehungen, Schwung in die Bewegungsrichtung, Schwerkraft und Masse kommen zum Einsatz. Das Set gehört zum Schwarzgurt-Programm, es ist eine Vorbereitung für die Form 7, die ebenfalls eine Doppelstock-Form ist. Das Set ist die Basis dafür: Stellungswechsel nach vorne und nach hinten, Schlagkombinationen mit der Führhand sowie Blocks, Paraden, und Konterschläge. Die Bewegungen basieren auf Linien, Kreisen, offenen Dreiecken und der Acht. Außerdem beinhaltet es zwei verschiedene Griffarten.

So wird Beinarbeit mit Checks, Schlägen, Blocks und den Bewegungsmustern des Stockkampfs kombiniert. Es stellt die Basis der Form 7 dar. In der Form 7 wird die Technik "Five Swords" zur Stocktechnik "Five Storms". Alle Techniken, die in Form 7 mit Sticks ausgeführt werden, sind ursprünglich waffenlose Selbstverteidigungstechniken aus dem Gürtelprogramm. Es ist nicht so, dass die philippinischen Kampfkünste nicht effektiv sind, im Kenpo ist es nur eine andere Art der Ausführung. Allerdings ist einer der heute bekanntesten philippinischen Stilisten ein Schwarzgurt der ersten Generation unter Ed Parker - es ist Dan Inosanto. Auch Larry Hartsell war ein Schwarzgurt der ersten Generation. Ed Parker hat die Form 7 während der Dreharbeiten zu "The Perfekt Weapon" perfektioniert. Als er in der Schule in West LA unterrichtet hat, waren da immer Jeff Speakman, Barbara Hale, Andy Smith und Brian Hawkins. Sie bildeten den Kern der Gruppe, und sie haben die Form 7 mit perfektioniert. Zu dieser Zeit wurden einige Techniken entworfen, die nur mit den Sticks angewandt werden. Daher gibt es einige Techniken in der Form 7, die nicht in den Büchern zu finden sind. Es ist eine sehr ansprunchsvolle Form, auf diesem Niveau sollte man die Basis des Systems kennen. Wichtig ist es, zu verstehen, wie eine Knüppeltechnik funktionieren - wie ein Knüppel gehalten wird, mit welchen Flächen man treffen kann, je mehr man über eine Waffe weiß, umso leichter ist es, sich gegen sie zu verteidigen. In anderen Systemen ist es genauso: Man lernt zuerst, zuzuschlagen, bevor man lernt zu blocken.

Dem Messerkampf liegen andere Prinzipien zugrunde. Zwar wird im Kali oft Messer und Stock zu einem Bereich zusammengefasst, doch es gibt gewisse Dinge im Stockkampf, die man mit einem Messer nicht macht. So führt man ein Messer nicht auf der Innenseite des eigenen Arms, da man sich sonst schneiden könnte. Der Stockkampf hat sich zwar aus dem Schwertkampf entwickelt. Aber das Messer ist eben brutaler.
Kenpo ist stark vom Kali beeinflusst worden. Einmal durch Parkers Hintergrundwissen aus Hawaii, aber auch, weil viele Kenpo-Instructoren mit philippinischen Stilisten zusammengearbeitet haben: Die Stocktechniken wurden jedoch so in das Kenpo eingefügt, dass es in das System passt. Man muss also nicht philippinische Kampfkunst lernen, um mit Waffen umgehen zu können Kenpo vermittelt auch das.

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