Kampfkunst oder Kampfsport - ein Unterschied ?

 

 

Oft werden die beiden Begriffe Kampfkunst und Kampfsport miteinander verwechselt und somit letztendlich als das Gleiche angesehen. Da dies nicht zutrifft, will ich versuchen, anhand der japanischen Kampfkünste und Kampfsportarten, nachfolgend die vorhandenen Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzuzeigen. Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, daß die japanischen Kampfkünste sowie die Kampfsportarten ihren gleichen Ursprung haben, nämlich in den Kriegskünsten der Samurai (Ritter). Diese waren nicht nur in einer Kampfkunst ausgebildet sondern mußten ihre Kampfsysteme beherrschen, welche sich aus verschiedenen Kampfformen zusammensetzten (z.B. Schwertkampf, Lanzenkampf, Kettenkampf, waffenloser Kampf). Zu dieser Zeit wurde der Gebrauch von Waffen, hier insbesondere das Schwert, in den Kämpfen bevorzugt. Wurden jedoch die jeweiligen Waffen im Kampf zerstört oder lag die erforderliche Distanz für den Gebrauch der Waffen nicht mehr vor, mußten die Samurai in den körperlichen Auseinandersetzungen als letzte Möglichkeit waffenlos "Hand anlegen", um ihr Leben zu retten. Diese waffenlose Verteidigung, als ein Teilbereich im Kampfsystem, bezeichnete man "Taijutsu". Im Laufe der Jahrhunderte, mit der Beendigung der blutigen Feudalkriege sowie mit zunehmender Bedeutung der Feuerwaffen, wandelten sich die Kriegskünste in Kampfkünste. Mit diesem Wandel veränderte sich auch die Bedeutung für den Gebrauch der Waffen. Während sie zuvor ausschließlich zum Töten der Gegner gedacht waren, sollten sie nun dem Ausübenden auch dazu dienen, sich durch ständiges Trainieren nicht nur körperlich sondern auch geistig mit der Waffe und sich selbst auseinanderzusetzen, um sich bewußt der Wegfindung (Do) zu widmen.

Nicht kriegerische aber dennoch vergleichbare Systeme, welche sich ebenfalls mit der Wegfindung befassen, haben wir beispielsweise in der Kunst der Teezeremonie (Chado), der Kunst des Blumensteckens (Kado) oder der Kunst des Tuschemalens (Shodo). Auch in diesen Künsten dienen die Geräte, die Techniken sowie das ständige absichtlose Üben dieser Techniken dem Ziel Körper und Geist dem Willen zu unterwerfen. Auch in den Kampfkünsten sollen die Geräte und Techniken dazu dienen, den Übenden körperlich aber auch geistig-seelisch zu stabilisieren und ihn auf den Weg zum Satori (Erleuchtung) zu führen. Ob hierbei das Ziel "Die Erleuchtung" jemals erreicht wird ist dabei zweitrangig. Vorrangig ist dagegen das ständige regelmäßige und absichtlose Üben, welches erheblich zur Stabilität und positiven Persönlichkeitsentwicklung des Übenden beiträgt. Die Beachtung dieses Übungszieles und der damit verbundenen positiven Geisteshaltung waren bzw. sind noch immer kennzeichnend für die Kampfkünste. Diese Denkensweise schließt natürlich ein konsequentes Trainieren der jeweiligen Techniken nicht aus. Sie sollten daher auch so trainiert werden, daß sie zweckentsprechend optimal eingesetzt werden können.

Wie die Erfahrung gezeigt hat, ist es nun sehr schwierig allen an einer Kampfkunst interessierten Personen, welche in der Mehrzahl zunächst auf das Erlernen von wirkungsvollen Techniken fixiert sind, auch die geistigen Inhalte der Kampfkünste näherzubringen. Um die Interesssierten nicht zu überfordern oder abzuschrecken, begann man bei bestimmten Kampfkünsten den körperlichen Aspekt immer stärker in den Vordergrund zu stellen. Ein weiterer Aspekt für die Wandlung in Kampfsportarten, war die Entwicklung in Japan insbesondere Judo und Kendo an den Schulen und Universitäten zur körperlichen Ertüchtigung einzuführen. Auch weil sich herausgestellt hat, daß ein "absichtloses Üben" als Zielsetzung sehr schwierig zu vermitteln ist, begann man Wettkämpfe, Siegerehrungen, Medallien, Urkunden etc. als Ziel für das körperliche Training einzusetzen. Es entwickelten sich aus den Kampfkünsten, in denen Wettkampfgedanken keine Berücksichtigung finden, wettkampforientierte Kampfsportarten.

So entstanden beispielsweise aus dem Kenjutsu (Schwertkunst) das Kendo (Schwert- und Stockfechten) und aus dem Jujutsu das Judo. Ebenso hat sich das Karate-Do zwischenzeitlich zu einer Kampfsportart entwickelt, wobei hier allerdings wegen seiner Wurzeln auf der Insel Okinawa eine gesonderte Entwicklungsgeschichte vorliegt. Wie bereits erwähnt, ist in diesen Kampfsportarten der ursprüngliche, geistige Aspekt vom körperbetonten Kampfgedanken zurückgedrängt worden. Wie ich aus eigener Erfahrung feststellen konnte, finden interessanterweise immer mehr Meister von Kampfsportarten wieder Gefallen an den Kampfkünsten (wie z.B. Aikido), da auch von ihnen im Laufe der Zeit erkannt wird, daß nur der alleinige körperliche Aspekt für die auch von ihnen gesuchte Wegfindung nicht ausreicht.

Zu den typischen Kampfkünsten zählen beispielsweise Iaido (Kunst des Schwertziehens), Kyudo (Kunst des Bogenschießens) und natürlich Aikido. Ebenfalls kann das traditionelle Jujutsu zu diesen Künsten gezählt werden, wenn die jeweiligen Stilrichtungen nur auf die Selbstverteidigung konzentriert sind und den Wettkampf-Gedanken nicht berücksichtigen. Für den Aikidoka ist interessant zu wissen, daß Jujutsu und Aikido durchaus die selben Wurzeln haben. Dieser Sachverhalt ist auch daraus zu ersehen, daß das Daito-ryu Jujutsu bzw. Daito-ryu Aiki-Jujutsu als Vorstufe des Aikido gelten, welche noch immer mit ihren Techniken das Ziel verfolgen den Gegner zu zerstören. Diese Geisteshaltung, welche ebenso noch immer im derzeitigen Jujutsu vorhanden ist, veranlaßte Morihei Ueshiba sich vom Daito-ryu Aikijujutsu zu lösen und sein Aikido zu entwickeln.

Abschließend kann festgestellt werden, daß in den Kampfkünsten neben dem konsequenten Erlernen der Techniken auch die Charakterschulung, positive Persönlichkeitsentwicklung und somit der Aspekt der Wegfindung eine gleichwertige Bedeutung haben.

Wie bereits oben erwähnt, wird dagegen in den Kampfsportarten der Aspekt des Wettkampfes vorrangig behandelt. Mit Sicherheit findet dort, wie auch bei vielen anderen Wettkampfsportarten, aufgrund des regelmäßigen Trainings und der damit verbundenen Selbstdisziplin eine positive Persönlichkeitsentwicklung bei den Aktiven statt. Diese Entwicklung wird in der Regel jedoch als "Nebenerscheinung" zur Kenntnis genommen und durch den ständigen "Sieggedanken" in den Hintergrund gedrängt. Dennoch kommt man auch in diesen Kreisen langsam zur Erkenntnis, daß nur das alleinige Siegenwollen (ggf. auch mit verbotenen Mitteln) und das damit verbundene Streben immer besser als andere zu sein (zumeist nur für einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum) als Motivation für ein strapaziöses und andauerndes Training auf Dauer nicht ausreicht.

Daher ist in den Kampfkünste ein "Kampf " nie gegen einen Gegner sondern letztendlich gegen den Übenden selbst gerichtet. Diese Essenz der Kampfkünste ist auch die Essenz des Aikido.

Wolfgang Schwatke 4. Dan Aikido

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